AlUla

Fünfter und letzter Tag in AlUla, Saudi-Arabien.

Wir besuchen eine Schule, die Ausgrabungsstätte Dadan sowie Jabal Ikmah, das Twitter oder die öffentliche Bibliothek vergangener Zeiten – und schon ist es an der Zeit für die Heimkehr.

AlUla – Eindrücke und Erlebnisse (4. und letzter Teil)

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AlUla

Kaum zu glauben, dass dies erst und gleichzeitig schon unser fünfter Tag in AlUla ist. Erst, denn wir haben in der kurzen Zeit so viel erlebt, dass wir das Gefühl haben, mindestens schon zwei Wochen hier zu sein. Schon, denn die Zeit ist wie im Flug vergangen.

Der fünfte Tag ist gleichzeitig unser letzter Tag vor Ort. Für mich heißt es bereits am Nachmittag „Rückflug“, Pavel und Miho fliegen nach Spanien zurück und ihre Flüge werden erst am Abend AlUla verlassen. Bis dahin gibt es aber noch einmal ein bisschen was zu erleben. Der Tag startet für uns heute ein bisschen später, denn wir müssen noch packen und unser Programm fängt etwas später an, denn wir werden erst einmal eine Schule besuchen. Während Julia und ich zusammen mit unseren Fahrern auf Pavel und Miho warten, „plaudern“ wir mit den beiden arabischen Männern. Plaudern ist übertrieben, denn sie sprechen nur wenig Englisch. Trotzdem versteht man sich mit einigen wenigen Wörtern und Handzeichen sehr gut. Von Ali wissen wir, dass er verheiratet ist und zwei Kinder hat, seine Tochter ist zwei und sein Sohn erst wenige Monate alt. Stolz hat er uns Fotos auf dem Handy gezeigt. Julia fragt Ali, ob er denn eine zweite Frau hat oder haben möchte, schließlich ist das ja erlaubt. Ali antwortet mit einer eindeutigen Geste und einem entrüsteten „No“, seine Geste zeigt uns dass er eine zweite Frau für Selbstmord hält. 😉 Ein Gespräch mit Suleyman zu diesem Thema im Verlauf der letzten Tage war sehr interessant. Er berichtete, dass heute die meisten Männer mehreren Ehefrauen kritisch gegenüber stehen. Vielleicht hat es auch ein bisschen mit der Vorstellung von Treue und Liebe zu tun, aber im Vordergrund steht wohl, dass man in Saudi-Arabien seine Ehefrauen gleich zu behandeln hat. Schenkt man als Frau Nummer 1 einen Fernseher, muss man Frau Nummer 2 ebenfalls einen Fernseher schenken. Das gleiche gilt für die Zeit, denn man muss mit allen Frauen gleichviel Zeit verbringen. Dass das anstrengend und vor allem finanziell nicht einfach zu stemmen ist, versteht sich von selbst.

Neugierig wie ich bin, frage ich auch gleich nach den Frauen und ob es Frauen gibt, die gerne Zweitfrau wären. Er erzählt von einer Cousine, die Ärztin ist, sehr in ihrem Beruf aufgeht und stark eingespannt ist. Sie möchte am liebsten eine Zweitfrau sein, weil sie für einen Ehemann, der sich nur auf sie fokussiert, „nicht genügend Zeit hat“. Außerdem möchte sie keine Kinder und oft ist es wohl bei mehreren Frauen so, dass der Mann nur mit einer Ehefrau die Kinder bekommt. Wäre sie Zweitfrau, könnte der Mann immer noch Kinder haben. Er erzählt auch, dass manchmal die beiden Frauen eines Mannes beste Freundinnen sind – so auch in seiner großen Familie.  Ich frage gleich weiter, ob es auch Frauen gibt, die nicht heiraten wollen und was die Gesellschaft dazu sagen würde. Er erzählt gleich von einer Tante, die bereits im hohen Alter ist und nie geheiratet hat, weil sie das nicht wollte. Im Übrigen darf niemand einfach verheiratet werden, die Frau hat immer das Recht einen Antrag abzulehnen und niemand kann sie dazu zwingen, ja zu sagen. Insgesamt scheint es, als ob die Frauen in der Familie und der Gesellschaft sehr geachtet werden, dazu passt auch der Eindruck, dass sie einem sehr offen und freundlich in die Augen schauen.

Unseren Besuch in der Schule hat Suleyman für uns arrangiert und so dürfen wir mit unseren Kameras bewaffnet das Gebäude betreten. Am Eingang scannt ein Mitarbeiter unsere Körpertemperatur und prüft, dass wir auch ja kein Fieber haben und somit vermutlich Corona-frei sind. Und schon stehen wir im Gebäude, werden von einem freundlichen Mitarbeiter in Empfang genommen, der uns über die Schule einiges erzählt. Bereits im Flur stehen Töpferwaren dekorativ aufgebaut, denn wir sind nicht in einer normalen Schule. Vergleichbar ist diese hier vielleicht mit einer Volkshochschule bei uns, denn hier können Menschen jeden Alters hinkommen. Das Gebäude selbst existiert schon einige Jahrzehnte, stand aber auch länger leer und wird nun seit einigen Jahren genutzt, um vorwiegend Erwachsene zu bilden. Allerdings nicht in klassischen Schulfächern, sondern was hier vermittelt wird sind alte kunsthandwerkliche Fertigkeiten: Töpfern, Sticken, Schmuckherstellung, Wolle färben und verarbeiten, Malen, Palmzweige flechten. Diese Handwerkskunst und die Darstellung von traditionellen Motiven sollen hier gefördert werden und wir erfahren, dass bereits mehrere ehemalige Schüler (vorwiegend Schülerinnen!) sich mit kunsthandwerklichen Geschäften in der Altstadt selbstständig gemacht haben. Was hier hergestellt wird, wird auch in den Souvenirshops an den Kulturstätten verkauft. So wird alles ein Stück weit refinanziert und kommt der Allgemeinheit zu Gute. Es zeigt zudem, dass AlUla am nachhaltigen Tourismus interessiert ist, der der lokalen Bevölkerung ebenfalls positive Effekte beschert. Bei unserem Besuch bestellt Julia gleich ein Schmuckarmband, das sie nächste Woche abholen möchte, denn sie bliebt ja noch ein paar Tage länger als wir.  Im Stickraum unterhalte ich mich länger mit der Lehrerin, die ursprünglich nicht aus AlUla kommt und nach einiger Zeit „Online-Unterricht“ aufgrund von Corona nun seit ein paar Wochen hier ist. Sie erzählt davon, dass sie ihren Schülern beibringt, wie man Wolle mit natürlichen Rohstoffen färbt und dann vollständig weiterverarbeitet. Wir sind beeindruckt von der Vielfalt und um so mehr davon, welches theoretische Wissen und künstlerischem Grundverständnis, Farbenlehre etc. vermittelt wird. Für jede Stufe der Verarbeitung sind zwischen mehreren Tagen und Wochen Zeit im Unterrichtsplan reserviert und inzwischen sitzt ihre Gruppe nach der Theorie, dem Färben und Spinnen der Garne beim Sticken.

Im Anschluss an unseren Besuch in der Schule fahren wir nach Dadan, wo wir zur Begrüßung erst einmal wieder arabischen Kaffee und Datteln in einem modernen Besucherzentrum bekommen. Dadan ist die frühere Hauptstadt der Königreiche Dadan und Lihyan. Die sorgfältig aus Stein errichtete Stadt an der Oase des Tals stammt aus dem späten 9. und frühen 8. Jahrhundert v. Chr. (Königreich Dadan) bzw. dem 5. bis 2. Jahrhundert v. Chr. (Königreich Lihyan). Dadan war in seiner frühen Phase „eines der wichtigsten Karawanenzentren in Nordarabien“ und wird bereits im Alten Testament erwähnt. Das lihyanitische Königreich war eines der größten seiner Zeit, das sich von Medina im Süden bis nach Akaba im Norden des heutigen Jordaniens erstreckte.

An dieser Stätte, an denen die Menschen, die uns heute hier herumführen und alles erklären, in ihrer Kindheit noch mit den Familien zum Picknicken und Spielen hergekommen sind, graben nun Archäologen aus Frankreich und Saudi-Arabien die Überreste der alten Zivilisation aus, um diese näher zu erforschen. Das Gebiet ist riesig und tatsächlich soll schon in wenigen Monaten die Ausgrabung abgeschlossen sein, was wir uns gar nicht vorstellen können, zumal gerade niemand bei der Arbeit ist. Auch hier gibt es neben den Mauern alter Häuser diverse Grabhöhlen in den Felsen und wer Zeit für einen ausführlichen Rundgang im Rahmen einer Führung hat, bekommt hier viel Hintergrundwissen vermittelt. Leider bleibt uns zu wenig Zeit, sodass wir nicht alles ansehen können.

Auf der Fahrt zur nächsten Attraktion, dem „Twitter“ der Vergangenheit, kommen wir an einer Tankstelle vorbei und ich stelle fest, dass hier das Benzin keine 0,50 € kostet. Tja, davon sind wir zur Zeit wohl sehr weit weg!

Auch an unserer nächsten Kulturstätte, Jabal Ikmah, empfängt uns das schicke neue Besucherzentrum mit arabischem Kaffee und Datteln, was dafür sorgt, dass man sich gleich sehr willkommen fühlt. Mit einer Führerin geht es nun den kurzen Weg in Richtung Felsen. Im gesamten AlUla-Tal finden sich Tausende von Inschriften auf Aramäisch, Dadanitisch, Thamudisch, Minaisch und Nabatäisch. Tausende von vorarabischen Inschriften an zahlreichen Stätten machen AlUla zu einem wichtigen Ort für das Studium der arabischen Sprache. Es gibt keinen bedeutsameren Ort als Jabal Ikmah, wo sich die größte Konzentration und Vielfalt an Inschriften in AlUla befindet. Die ältesten Inschriften stammen aus dem Jahr 644 n. Chr.. Sie erzählen vom Leben in vergangenen Zeiten, sowohl was die Arbeit angeht als auch in Bezug auf Politik, Religion und das soziale Miteinander. Die meisten Inschriften sind in Dadanisch verfasst, ein Alphabet mit 28 Buchstaben, das von rechts nach links geschrieben wurde. Dieser Ort ist mal wieder beeindruckend und nur zu gerne würde ich Mäuschen spielen und in die Vergangenheit linsen können um einen besseren Eindruck aus früheren Zeiten zu gewinnen. Man erkennt unterschiedliche Schriften und Stile, nur lesen können wir selbst leider nichts davon.

Zum Mittagessen geht es noch einmal in die Altstadt von AlUla und in ein Restaurant mit lokaler Küche, in der alles ganz frisch zubereitet wird. Wir sitzen auf einer schattigen Dachterrasse im verwinkelten Gebäude und erfreuen uns erneut an ausgesprochen leckerem Essen. Wie immer bestellt Suleyman zu viel für uns alle, denn er möchte dass wir alles probieren – das kennen wir ja schon und seine Gastfreundschaft und die kulinarischen Genüsse vermissen wir zu Hause ganz sicher! Leider heißt es für mich nach dem Essen Abschied nehmen, denn ich muss zum Flughafen. Mein Flug geht am Nachmittag und obwohl Suleyman meint, niemand in AlUla würde mehr als 10 Minuten vor Abflug zum Flughafen kommen, lasse ich mich auf dieses Experiment nicht ein. Auch wenn er mir versichert, dass er jemanden von der Flughafenleitung kennt und den zur Not anrufen würde. Er kennt halt so gut wie jeden hier und kann alles mögliche organisieren, aber ob er wirklich für mich ein Flugzeug aufhalten kann?! Ich bin lieber rechtzeitig etwa anderthalb Stunden vor Abflug am Flughafen. Auf dem Weg dorthin sehe ich außerhalb der Stadt an diesem sehr windigen Tag noch meinen ersten kleinen Sandsturm, kann aber leider keine Bilder davon machen, denn die Zeit drängt.

Das kleine, gemütliche Terminal ist nun etwas belebter als mitten in der Nacht. Trotzdem bin ich schnell eingecheckt und mein Gepäck hat schon gleich die Tags bis Frankfurt bekommen. Eine Stunde später sitze ich auch schon im Flieger, zwischen einem Geschäftsmann und einer vermutlich britischen Reiseleiterin, die offensichtlich irgendwelche Gruppen in Riad abholen muss, was sie mit einem anderen Passagier auf der anderen Seite des Ganges bespricht. Ein letzter Blick von oben und so schnell sind 5 Tage in AlUla um und ich befinde mich auf dem Weg von AlUla über Riadh und Paris nach Frankfurt.

Diese Reise hat mich sehr beeindruckt. Natürlich stellt man sich im Vorfeld die Frage, wie es denn wohl in Saudi-Arabien sein wird und man hat eine vage Vorstellung von dem, was einen erwartet. Unterm Strich kann ich nur sagen, dass mich das Land und die Region in allem positiv überrascht haben und selbst die als grandios erwartete Landschaft noch grandioser war. Was ich mitnehme ist die Erinnerung an extrem freundliche und offene Menschen, faszinierende Landschaft, spannende Kulturstätten, hervorragendes Essen und viele tolle Erlebnisse. Ich kann nur empfehlen, selbst nach AlUla zu reisen und sich ein Bild davon zu machen. Und zwar am besten jetzt und nicht erst in 5-10 Jahren, denn jetzt ist alles noch relativ ursprünglich. Ich bin auch beeindruckt von der geplant nachhaltigen Tourismus-Entwicklung, das klingt alles wirklich durch- und bedacht und ich hoffe sehr, dass es so umgesetzt wird/werden kann, wie geplant. Doch auch eine vorsichtige Tourismusentwicklung, die zudem die lokale Bevölkerung mit einbezieht und fördert, wird zu Veränderungen führen, die sicher in den nächsten Jahren zu beobachten sind. Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt reisen durfte und hoffe, ich kann irgendwann mit mehr Zeit nach AlUla zurück kehren!

 

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Die Autorin

Katrin Schmidt

Katrin Schmidt

Geschäftsführung, Messeleitung

Kauffrau, Hobby-Fotografin & Sportbegeisterte

Enthusiastische Hobby-Fotografin mit besten Kenntnissen in den Bereichen Vertrieb & Marketing. Am liebsten fotografiert sie auf Reisen rund um die Welt und in der Natur vor der Haustür, sodass sie schon mal bei Sonnenaufgang durch den Dreck krabbelt. Katrin ist kreativ, lustig und ihr Teekonsum kurbelt die Weltwirtschaft an.

Zuständig für: Organisation, Marketing, Rahmenprogramm & Kooperationen

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