Gastbeitrag von

Adrian Rohnfelder

Abenteuer Storytelling, © Adrian Rohnfelder
© Adrian Rohnfelder

Extrem-Fotograf und Olympus Visionary Adrian Rohnfelder erklärt euch in diesem Blogbeitrag die Grundlagen des Abenteuer Storytellings: Wie fotografiert man für die Multivision?

Teil 1 von 2: Grundlagen & Sequenzen für die Multivision

Abenteuer Storytelling 1/2 – Vom Bild zur Geschichte / Fotografieren für die Multivision von Adrian Rohnfelder

/ / P+A-Blog
Abenteuer Storytelling, © Adrian Rohnfelder

Teil 1: Grundlagen & Sequenzen für die Multivision

Abenteuer Storytelling, © Adrian RohnfelderWas für ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe den steilen und komplett vereisten Gipfel bezwungen und stehe auf dem 5.636m hohen Orizaba in Mexiko, dem höchsten Vulkan Nordamerikas. Aber, ich stehe hier weniger als Bergsteiger denn als Fotograf. Der Orizaba ist Teil meines aktuellen Volcanic Seven Summits Projektes, den sieben höchsten Vulkanen je Kontinent. Nach einer kurzen Gratulation greife ich daher zu meinem nach der Kamera wichtigsten Utensil: einem mittlerweile sehr abgegriffenen Zettel auf welchem ich das Drehbuch für diese Tour notiert habe.

Aber wozu benötige ich überhaupt ein Drehbuch für das Storytelling? In meinen Vorträgen würze ich meine heißkalten Landschaftsaufnahmen gerne mit ein paar abenteuerlichen Geschichten. Denn gerade eine Multivision lebt aus meiner Sicht von diesen persönlichen kleinen und großen Geschichten. Vom Erzählen, von der Abwechslung, vom Staunen, vom Mitfiebern, von Authentizität, von Blicken hinter die Kulissen, von unglaublichen Aufnahmen. Mir ist es zwar wichtig, authentische, erlebte und keine geplanten Geschichten zu erzählen. Ein Drehbuch hilft mir jedoch dabei, die Story rund und fotografisch vollständig zu produzieren, unterwegs kein für die Story wichtiges Bild zu vergessen sowie die richtige Ausrüstung mitzunehmen.

Konkret bedeutet das, dass ich mir in einem ersten Schritt einen grundsätzlichen roten Faden der zu erzählenden Geschichte überlege. Das kann die chronologische Reiseabfolge sein, das Hinarbeiten auf einen besonderen Höhepunkt aber auch ein thematischer Spannungsbogen.

In einem zweiten Schritt stelle und beantworte ich mir viele Fragen rund um die Reise und diesen roten Faden: Was will ich erzählen, mit den Fotos ausdrücken? Wie stelle ich die Landschaft und Kultur am besten dar? Was würden die Zuschauer von mir wissen und sehen wollen? Wo und wie baue ich am besten die Action ein? Wie kann ich daran hautnah teilhaben lassen? Was ist sonst noch wichtig für die Geschichte? Dazu jeweils auch die Überlegung, mit welcher Ausrüstung ich das am besten umsetzen kann?

Ist die Storyline auf diese Art dann detaillierter skizziert folgt eine intensive Recherche im Hinblick auf das Reiseziel. Mit Hilfe von Büchern, Landkarten, Webseiten und vor allem Social Media – meint Kontakte und den Austausch mit Einheimischen bzw. anderen Reisenden und Fotografen. Zudem ist die Google Bildersuche entlang meiner geplanten Reiseroute ein wichtiger Bestandteil dieser Recherche. Informationen dabei sind örtliche Gegebenheiten, mögliche Standorte, Wetter- und Lichtverhältnisse und vieles mehr.

In einem letzten Schritt entwerfe ich anhand der Storyline und Recherchen das Drehbuch. Dieses beschreibt konkret die Bildkompositionen mit Objektiv, Blende und Kameraposition. Bei einer geplanten Sequenz/ Bilderserie entsprechend jede einzelne Aufnahme. Stichwörter dazu sind 5Shot Sequenz und Perspektiven. Diese können sein:

  • Normal – Augenhöhe
  • Vogel – von oben
  • Frosch – von unten
  • Subjektiv – Sicht des Protagonisten

Eine 5Shot Sequenz meint fünf verschiedene Aufnahmen zur Darstellung einer Aktivität:

  • Wo sind wir – Totale
  • Wer handelt – Halbtotale/Nah zeigt Aktion
  • Was wird gemacht – Groß zeigt u.a. Emotionen
  • Wie wird was gemacht – Groß, Schuss/Gegenschuss
  • Warum – Frosch, Vogel, interessante Perspektive

Zurück auf dem Gipfel des Orizaba lese ich: „Nächtlicher Aufstieg, Foto mit Stirnlampe“ – erledigt. „Steiler Aufstieg auf Eis, Foto und Filme“ – erledigt. „Gipfelfoto“ – erledigt.

„Sequenz Vulkanabstieg auf Asche“ – noch offen.

Solch ein hüpfender und springender Abstieg auf steilen Ascherampen ist der spaßige Teil einer Vulkanbesteigung. Es ist aber auch der schmutzige Teil einer Besteigung und damit wie gemacht für ein paar spannende Filme sowie Fotos inkl. Making Of. Für diese geplante Sequenz habe ich notiert:

  • Vor Kamera beim Abstieg aufspringen und mächtig Asche aufwirbeln (Frosch, Weitwinkel oder Fisheye, Close-up)
  • Davon Making Of von vorne und von der Seite (Halbtotale, Normal, Tele)
  • Mit Kamera in der Hand hinterher springen, Kollegen filmen (Subjektiv, Weitwinkel)
  • Kamera in Hand mit Blick auf den Boden/Schuhe (Subjektiv, Groß)
  • Diverse Perspektiven von oben ins Tal, von unten in Richtung Gipfel (Totale, Schuss/Gegenschuss)

Unterhalb der Gletschergrenze suche ich mir in der Asche dazu eine passende Stelle und schraube meine Olympus E-M1 Mark II auf mein Ministativ von Manfrotto. Ich starte eine Filmaufnahme und lasse meinen Freund Chris mehrfach mächtig Asche aufwirbelnd über die Kamera springen. Dazu filme ich das Making Of mit Fokus auf die Kamera einmal von vorne wie auch von der Seite. Anschließend nehme ich meine Olympus mit eingeschaltetem Bildstabilisator in die Hand und springe Chris ein paar Meter hinterher. Nach und nach arbeite ich so die komplette Sequenz ab.

Normalerweise bevorzuge ich für Sequenzen in meinen Multivisionen mit Originalton hinterlegte Fotos. Ich möchte dem Zuschauer den Film nicht „vorkauen“ sondern in seinem Kopf entstehen lassen. In diesem Fall habe ich mich jedoch vollständig für bewegte Bilder entschieden. Zum einen weil ich das Material später für einen Making Of Trailer verwenden möchte, zum anderen weil hier ausnahmsweise die Bewegung mit der spritzenden Asche am besten dazu geeignet ist, den Zuschauer hautnah an dem Spaß teilhaben zu lassen.

Dank 4K Filmformat habe ich zudem die Möglichkeit in der nachgelagerten Bildbearbeitung aus dem Material einzelne Fotos in hoher Qualität auszuschneiden, z.B. für die Verwendung in diesem Artikel.

Mehr über diese nachgelagerte Bearbeitung wie auch zwei weitere Beispiele der Schritte von einem Drehbuch bis hin zum fertigen Bild lest ihr in einem folgenden zweiten Teil des Artikels.


Wer nun Lust darauf bekommen hat, in einem Workshop in die weiteren „Geheimnisse“ des Abenteuer Storytellings eingeführt zu werden und zu lernen, wie man für eine Multivision Material sammelt und diese erstellt, der wird in unserem Workshopprogramm bei der Photo+Adventure im Juni fündig. In Adrians Workshop „Abenteuer Storytelling“ geht es genau darum.

Teil 2 seines Blogbeitrags werden wir in Kürze veröffentlichen.

Adrian Rohnfelder

Adrian Rohnfelder

Der mehrfach prämierte Extrem-Fotograf und Olympus Visionary Adrian Rohnfelder hat eine Leidenschaft für einsame Landschaften und aktive Vulkane, die er auch schon einmal mit dem Fahrrad besteigt.

Er veröffentlicht seine Bilder und Abenteuer in internationalen Zeitungen und Magazinen. Sein besonderes Anliegen ist es jedoch, mit seinen Geschichten zu unterhalten und sein Publikum in lebendigen Live-Multivisionen hautnah an seinen Abenteuern teilhaben zu lassen.

OBEN